Streikbetrachtungen

Der heutige Streik im Nahverkehr beherrscht die Schlagzeilen der deutschen Medienlandschaft. Dabei müssen Pendler in München schon seit Wochen verschiedene Streiks über sich ergehen lassen. Im Prinzip sind das die üblichen Tarifverhandlungs-Scharmützel, aber ich stehe trotzdem daneben wie ein Beobachter einer fremden, bizarren Welt.

Alles fing damit an, dass die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) Ende September beschloss, die Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) zu bestreiken. Während des Oktoberfests. Ohne Vorankündigung. Eines morgens legten viele U-Bahn-, Bus- und Tram-Fahrer einfach die Arbeit nieder.

Die MVG war natürlich empört, und auch der Unmut der Fahrgäste richtete sich zunächst hauptsächlich gegen die Gewerkschaft. Nach ein paar Tagen setzte die GDL den Streik aus, drohte aber damit, jederzeit wieder spontan weiterzustreiken. Für diesen Fall stellte die MVG einen reduzierten Notfallfahrplan vor, der auch ausschließlich mit Nicht-GDL-Lokführern funktioniert.

Und stellte dann auch gleich mal prophylaktisch auf diesen Notfallfahrplan um. Zwar wurde dieser Fahrplan in der streikfreien Zeit mit Verstärkerzügen komplettiert, aber im Endeffekt war das trotzdem deutlich weniger als der Normalfahrplan. In den letzten Wochen habe ich mich ziemlich häufig über überfüllte U-Bahnen, ausfallende Trams, schlechte Takte und ähnliches ärgern müssen; der Nachtverkehr wurde anfangs sogar komplett eingestellt. Und das alles erstaunlicherweise, während die GDL gar nicht streikte!

Gefühlt gleich geblieben ist aber die Frequenz der Fahrscheinkontrollen. Und inmitten des ganzen Tumultes kündigte der Münchener Verkehrsverbund dann auch noch die diesjährige Fahrpreiserhöhung an – natürlich begründet mit den zu erwartenden steigenden Personalkosten. (Innerhalb der letzten fünf Jahre sind die Preise von der Einzelfahrt bis zum Jahresabo übrigens durchgehend um rund 20 Prozent gestiegen.) Eine Einigung der Gewerkschaft wurde aber natürlich bis jetzt nicht erreicht.

Heute haben die Gewerkschaften Transnet und GDBA bekanntlich zum Streik im Nahverkehr aufgerufen. Bayern ist ein Schwerpunkt; im Münchner Verkehrsverbund betrifft das die S-Bahnen und die Regionalzüge.

Und die GDL? In einem offenen Brief an Transnet und GDBA zeigt sich die Lokführergewerkschaft zwar solidarisch mit dem Streikaufruf, betont aber mit deutlichen Worten, dass sich die Gewerkschaften die Beschäftigtengruppen vertraglich untereinander aufgeteilt haben. Für die Gruppe der DB-Lokführer darf allein die GDL eine tarifvertragliche Regelung beschließen,

so dass schon ein Aufruf zum Arbeitskampf [durch Transnet/GDBA], der die Lokomotivführer einschließt, eine Vertragsverletzung und einen Eingriff in die geltenden Tarifverträge darstellt.

Im gleichen Brief schreibt die GDL, dass sie sich gerade im „Verhandlungsmodus“ mit der Deutschen Bahn befindet. Daher streikt also ausgerechnet die GDL bei der S-Bahn München heute überraschenderweise nicht.

Nun befindet sich die GdL auch mit der MVG gerade im Verhandlungsmodus. Im Gegensatz zu den DB-Kollegen hält sie das aber nicht davon ab, hier spontan mal wieder zu streiken – natürlich ebenfalls heute, um das Verkehrschaos in München zu vervollständigen. Bwaaah…

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