Da ist die Welt noch in Ordnung

München ist eine saubere Stadt. Die Straßen und Gehsteige sind stets gereinigt, Abfallbehälter werden pünktlich geleert, und nirgends liegt Müll rum.

Auch im Abfallwirtschaftsbetrieb München (AWM) selbst hat alles seine Ordnung. Da soll nur einer kommen und sagen: dort geht es nicht mit rechten Dingen zu, oder da läuft was nicht korrekt, also dem würden sie beim AWM sofort das Gegenteil beweisen können.

Zum Beispiel mit dem Schreiben, mit dem die Werkleitung momentan die gesamte Münchner Bevölkerung über ein akutes Trinkgeldproblem informiert. Der Text beginnt so (voller Wortlaut hier):

Liebe Münchnerinnen und Münchner,

mehr als 750 Müllmänner sind täglich im Stadtgebiet unterwegs […]. Sie leisten eine schwere Arbeit und genießen dafür ein hohes Ansehen in der Bevölkerung. Über viele Jahre war es üblich, dass sich die Münchnerinnen und Münchner zum Jahreswechsel mit einem Trinkgeld bei ihren Müllmännern bedankten.

Und genau da liegt nämlich das Problem. Der Müllmann an sich ist ja nicht böse, aber die Korruption lauert überall. Da denkt sich Oma Erna nichts, steckt dem Müllmann vielleicht nur einen harmlosen Betrag zu, und in zwei Jahren hast du ein kleines mafiöses Abfallentsorgungssystem vor der Haustür, mit einem intransparenten Netzwerk aus Gefälligkeiten. Und vielleicht noch mit Oma Erna an der Spitze. Das ist ja auch nicht fair den anderen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gegenüber:

Viele andere Kolleginnen und Kollegen mit Kundenverkehr […] leisten ebenfalls schwere Arbeit. Ihnen war eine Trinkgeldannahme schon immer untersagt.

Und deshalb, so das eigentlich Anliegen des AWM-Schreibens, ist es ab sofort auch für Müllmänner verboten, „Trinkgelder in jeder Form“ anzunehmen. (Nur Pedanten fragen an dieser Stelle, warum ständig von „Münchnerinnen und Münchner“ oder von „Kolleginnen und Kollegen“ die Rede ist, es aber nur Müllmänner und keine Müllfrauen gibt.)

Das heißt jetzt aber nicht, dass man überhaupt nichts mehr zustecken darf, schließlich ist ja auch bald Weihnachten:

Sie können sich auch künftig mit einer Aufmerksamkeit bei den Müllmännern für ihre pünktliche und zuverlässige Arbeit bedanken. Sachspenden wie zum Beispiel Getränke oder Lebensmittel bis zu einem maximalen Sachwert von 15 Euro pro Müllmann sind erlaubt. Diese Regelung gilt für alle städtischen Beschäftigten.

Also vielleicht mal ein bisschen heiße Milch mit Honig aufs Amt bringen ist in Ordnung, oder einen Wurstkorb, solange er nicht zu groß ist. Man darf dabei aber nicht vergessen, dass der Müllmann eine tickende Korruptionszeitbombe bleibt. Durch einen korrekten Umgang kann er aber vor sich selbst geschützt werden:

Bitte geben Sie den Müllmännern kein Bargeld oder bargeldähnliche Leistungen, wie Gutscheine, Lose und Telefonkarten. Wenn sie den Bediensteten offen oder verdeckt Trinkgelder zustecken, bringen Sie sich selber und die Kollegen in eine schwierige Situation. Sollte es dennoch vorkommen, sind die Müllmänner verpflichtet, das Geld beim Antikorruptionsbeauftragten des AWM abzugeben.

Damit sollte die Sache ein für allemal geklärt sein. Und ob du’s jetzt glaubst oder nicht: dieses A4-Schreiben ging als Postwurfsendung an alle Münchner Haushalte, damit wirklich jeder umgehend von der prekären Trinkgeldsituation informiert ist. Du siehst also, beim AWM hat alles seine Ordnung.

Und wenn es in den nächsten Tagen in München plötzlich einen erhöhten Bedarf für Altpapierentsorgung gibt, dann ist das reiner Zufall und hat bestimmt nichts mit dem Brief und seinem Umschlag zu tun.

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