Mit uns niemals

Es hätte eine so schöne Begründung werden können.

„Liebe Zuschauer, viele Jahre lang haben wir über das Thema ‚Doping‘ bei der Tour de France viel zu wenig berichtet, auch, als sich die Dopingfälle längst gehäuft haben. Viele Jahre lang haben wir Ihre Gebührengelder investiert in ein Ereignis, das moralisch schon längst in Verruf geraten war.“ (Bonuspunkte brächte hier der Satz: „Sicherlich haben wir auch selbst ein positives Klima für Doping unterstützt, indem wir durch unsere Berichterstattung eine unrealistische Erwartungshaltung an die Fahrer geschürt haben.“ Doch das wär schon fast zuviel des Guten.) Und weiter: „Um zu zeigen, dass wir den neuerlichen Dopingfall nicht wie in der Vergangenheit nur kurzfristig kritisch bewerten und dann zur Tagesordnung übergehen, stellen wir die Übertragung der Tour de France ab sofort ein. Für viele mag dies ein drastischer Schritt sein, doch es ist vor allem als Signal der Glaubwürdigkeit an unsere Zuschauer gedacht.“

Oder so ähnlich. Doch so reumütig und selbstreflektierend ist man bei ARD und ZDF offenbar nicht. Stattdessen gilt das Signal eher der Tour und ihrer Fahrer: man habe lange genug zugesehen, wieder wurde man enttäuscht, jetzt müsse Schluss sein, man ist schließlich verantwortungsbewusst.

Es ist kein Wunder, dass diese Argumentation für viele scheinheilig wirkt. Die öffentlich-rechtlichen Sender stellen sich quasi über Nacht moralisch über den ganzen Dopingzirkus – und verschweigen, dass sie selbigen jahrelang selbst zumindest tolerierten. Und natürlich kann ich dann auch die Fahrer verstehen, die sich fragen, warum man zu einem Zeitpunkt aufhört, wenn die Anti-Doping-Maßnahmen gerade anfangen zu greifen, und eventuell sogar schon effektiver sind als in vielen anderen Sportarten, über die weiterhin sorglos berichtet wird. (Das sind Argumente, die nicht ziehen würden, wenn ARD und ZDF eine ehrlichere Stellungnahme abgegeben hätten.)

Am meisten ärgert mich aber, dass diese Scheinheiligkeit für einige offenbar noch nicht reicht. Am Tag der Verkündung der Übertragungseinstellung echauffierte sich WDR-Intendantin Monika Piel darüber, dass jetzt Sat.1 die Berichterstattung fortführt. Man schwingt sich also nicht nur urplötzlich in eine moralisch überlegene Position auf, sondern fängt auch noch an, von dort aus seine neuen strengen Maßstäbe an andere Berichterstatter anzulegen. Eine unglaubliche Anmaßung, wie ich finde, unabhängig davon, wie die Privaten dann tatsächlich mit dem Thema Doping umgehen werden.

Nachtrag: Hmm, da bin ich ja fast geneigt, den letzten Satz zu überdenken, wenn ich das hier lese.

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